WaEra - Willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit vs. Glaube
Unsere Paraschahⓘ פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt heißt „WaEra“ [וָאֵרָא]. Wie wir in der Vergangenheit gelernt haben, stehen diese Worte (WaEra, also „ich bin erschienen“) im Gegensatz zu fast allen Wochenabschnitten nicht im 1., sondern dawkaⓘדַּוְקָא
genau, absichtlich, gerade im 2. Satz der Paraschah.
Es ist dies die Vorgeschichte des Auszugs aus Ägypten, ein Ereignis der Vergangenheit, aber auch etwas, das wir heute, in der Gegenwart, wieder erleben sollen.
- Warum aber lässt sich Pharao durch die von Moscheh und Aharon demonstrieren Wunder nicht überzeugen?
- Fehlt es ihm an „suspension of disbelief“ oder an Glauben?
Willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit
”וַיָּבֹ֨א מֹשֶׁ֤ה וְאַהֲרֹן֙ אֶל־פַּרְעֹ֔ה וַיַּ֣עֲשׂוּ כֵ֔ן כַּאֲשֶׁ֖ר צִוָּ֣ה יְהֹוָ֑ה וַיַּשְׁלֵ֨ךְ אַהֲרֹ֜ן אֶת־מַטֵּ֗הוּ לִפְנֵ֥י פַרְעֹ֛ה וְלִפְנֵ֥י עֲבָדָ֖יו וַיְהִ֥י לְתַנִּֽין׃ וַיִּקְרָא֙ גַּם־פַּרְעֹ֔ה לַֽחֲכָמִ֖ים וְלַֽמְכַשְּׁפִ֑ים וַיַּֽעֲשׂ֨וּ גַם־הֵ֜ם חַרְטֻמֵּ֥י מִצְרַ֛יִם בְּלַהֲטֵיהֶ֖ם כֵּֽן׃ וַיַּשְׁלִ֙יכוּ֙ אִ֣ישׁ מַטֵּ֔הוּ וַיִּהְי֖וּ לְתַנִּינִ֑ם וַיִּבְלַ֥ע מַטֵּֽה־אַהֲרֹ֖ן אֶת־מַטֹּתָֽם׃“
(שמות ז' י'-י"ב)
„Und Moscheh und Aharon kamen zu Pharao und taten so, wie HaSchem geboten: und Aharon warf seinen Stab hin vor Pharao und vor seinen Knechten, und er wurde zu einem Krokodil. Und Pharao rief auch die Weisen und Zauberer, da machten auch sie, die Zeichendeuter Mizrajims, durch ihre Geheimnisse also: Und warfen ein jeglicher seinen Stab hin, und sie wurden zu Krokodilen; und der Stab Aharons verschlang ihre Stäbe.“
(Schmot, Exodus, 2. Buch Moses, 7: 10-12)
Was ist hier passiert?
Als Moscheh Rabbenu und sein Bruder Aharon zu Pharao kommen, und einen Stab zu einem Krokodil machen - da hält Pharao es für einen „Zaubertrick“, den seine Zauberer auch machen können - und siehe da! Auch die Stäbe der ägyptischen Zauberer werden zu Krokodilen…
Pharao wendet einen psychologischen Trick an, den wir aus der Kunst - vor allem aus Film und Fernsehen - kennen, nämlich den sogenannten „suspension of disbelief“, oder Willentliche Aussetzung des Unglaubens. Was heißt das? Etwas Unrealistisches, das in einem Film oder in einer Fernsehserie passiert wird als Wahrheit aufgefasst, wenn es in der Realität des Filmes Sinn macht: Beispielsweise starb in den 1980er Jahren in der auch in Deutschland sehr beliebten Fernsehserie „Dallas“ ein Charakter (Bobby Ewing, gespielt von Patrick Duffy), nur um später sehr lebendig in der Dusche zu stehen - seine „Wiederauferstehung“ wurde in der Serie als Albtraum erklärt. Ähnlich muss man auch im Film „Yesterday“ willentliche Aussetzung des Unglaubens praktizieren: ein Amateurmusiker findet sich nach einem weltweiten Stromausfall in einer parallelen Welt wieder, in der es die Beatles nie gab - und er der Einzige ist, der ihre Lieder kennt, die er als seine eigenen ausgibt, was ihn zum Superstar macht.
Und so auch Pharao: er glaubt NICHT an HaSchem, sondern rationalisiert die Wunder als einen einfachen Zaubertrick, den auch Magier in Ägypten beherrschen.
Glaube?
Diese „Handlung“ wiederholt sich einige Male: Moscheh und Aaron zeigen „himmlische Zaubertricks“, einschließlich die ersten der 10 Plagen, Pharao bringt seine Zauberer, die Tricks machen, aber die Plagen nicht rückgängig machen können, bis er schließlich Moscheh und Aaron bittet, bei HaSchem ein gutes Wort für ihn einzulegen - und danach trotzdem sich weigert, das jüdische Volk ziehen zu lassen.
Bis - so scheint es zumindest - Pharao nicht nur willentlich den Unglauben aussetzt, sondern wirklich GLAUBT - er bittet Moscheh Rabbenu und Aharon, für ihn zu beten! So steht es:
”וַיֹּ֣אמֶר פַּרְעֹ֗ה אָנֹכִ֞י אֲשַׁלַּ֤ח אֶתְכֶם֙ וּזְבַחְתֶּ֞ם לַיהֹוָ֤ה אֱלֹֽהֵיכֶם֙ בַּמִּדְבָּ֔ר רַ֛ק הַרְחֵ֥ק לֹא־תַרְחִ֖יקוּ לָלֶ֑כֶת הַעְתִּ֖ירוּ בַּעֲדִֽי׃“
(שמות ח' כ"ד)
„Und Pharao sprach: Ich will euch entlassen, dass ihr opfert für HaSchem, eurem Gott, in der Wüste, nur weiter entfernet euch nicht; betet für mich!“
(Schmot, Exodus, 2. Buch Moses, 8: 24)
Oder? Leider ist das nur ein Zeichen zeitweiser Verzweiflung - Pharao will die „Magier“ bitten, den Zauber rückgängig zu machen, bis seine Magier, die weniger können, es schaffen, kontra zu bieten. Letztendlich heißt es aber:
”וַיַּכְבֵּ֤ד פַּרְעֹה֙ אֶת־לִבּ֔וֹ גַּ֖ם בַּפַּ֣עַם הַזֹּ֑את וְלֹ֥א שִׁלַּ֖ח אֶת־הָעָֽם׃“
(שמות ח' כ"ח)
„Aber Pharao verstockte sein Herz auch diesmal und ließ das Volk nicht ziehen.“
(Schmot, Exodus, 2. Buch Moses, 8: 28)
Was lernen wir daraus?
Wahrer Glauben heißt viel mehr, als willentlich den Unglauben auszusetzen!
Und er ist auch nicht die nützliche Lösung eines Problems, etwas, das manchmal als „Wunschautomatglauben“ bezeichnet wird, also ähnlich einem Getränkeautomaten wirft man statt Münzen Gebet ein, und unten kommt die Lösung heraus.
Wie Jeschajahu Leibowitz z”l oft sagte:
Dann glaubt man an die Erfüllung seiner Wünsche, aber nicht an HaSchem!
Nein, wahrer Glaube ist etwas anderes: Wir glauben an den Allmächtigen, ohne seine Wege zu kennen, die wir daher nicht in Frage stellen. Wahrer Glaube verbietet aber keine kritischen Fragen (z.B. „warum passieren guten Menschen schlechte Dinge?“). Wahrer Glaube beantwortet sie. Und die Antwort IST die Emunah [אֱמוּנָה], der Glaube.