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Der Wochenabschnitt
וַיִּשְׁלַח
WaJischlach

Aktuelle Themen zur Wöchentlichen Parascha, aus Jerusalem der Heiligen Stadt, ת"ו


WaJischlach -  der Bruderkuss

Unsere Paraschah פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt
heißt „WaJischlach“ [וַיִּשְׁלַח], also „er (Jakob) sandte“ (Boten an seinen Zwillingsbruden Esaw, [עֵשָׂו‎ - Esau] um ihn zu überreden, Gnade mit Jakob zu haben). Wie wir in der Vergangenheit gelernt haben, versucht Jakob die Konfrontation mit seinem Bruder zu vermeiden. Das Treffen findet dennoch statt - jedoch attackiert Esaw Jakob nicht, sondern fällt ihn um den Hals und küsst ihn. Diesen Kuss schauen wir uns näher an:

 
 

 

Kuss oder Biss?

”וַיָּ֨רׇץ עֵשָׂ֤ו לִקְרָאתוֹ֙ וַֽיְחַבְּקֵ֔הוּ וַיִּפֹּ֥ל עַל־צַוָּארָ֖ו וַׄיִּׄשָּׁׄקֵ֑ׄהׄוּׄ וַיִּבְכּֽוּ׃“

(בראשית ל"ג ד')

„Da lief ihm Esaw entgegen und umarmte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten.“

(B’reschit, Genesis, 1. Buch Moses 33: 4)
 
WaJischaqehu - וַיִּשָּׁקֵהוּ

In der in Synagogen gelesenen Torahrolle steht über jedem Buchstaben des Wortes וַיִּשָּׁקֵהוּ (er küsste) ein Punkt:

Was hat das damit auf sich? Chasal חז״ל
Unsere Weisen z”l
(Die Weisen der Mischnah- und Talmud-Ära)
sagen, dass es darauf hindeutet, dass das Wort eigentlich וַיִּשָּׁכֵהוּ [und nicht וישקהו – WaJischkhechu und nicht WaJischqechu] geschrieben werden sollte, also, dass Esaw seinen Bruder nicht küsse [נָשַׁק Naschaq], sondern biss [נָשַׁךְ – Naschakh]!

Esaw, der im Judentum als Gründervater des Antisemitismus gilt (was auch als Bruderhass anfing), gab ihm also keinen Kuss der Liebe, sondern den bei der Mafia beliebten „bacio della morte“ (Kuss des Todes), der eine bevorstehende Ermordung des Geküssten ankündigt. Berühmt geworden ist der Bacio della morte durch den Kuss, den Michael Corleone (gespielt von Al Pacino) seinem Bruder Fredo im Film „Der Pate, Teil 2“ gibt, nachdem er herausfindet, dass Fredo ihn betrogen hat (der Film scheint von der Geschichte von Jakob und Esaw inspiriert geworden sei): „Du hast mein Herz gebrochen“, fügt Michael noch hinzu.

Der talmudische Midrasch [מִדְרָשׁ - Schriftauslegung] gibt den folgenden Peruschפֵּירוּשׁ
Interpretation, Auslegung
zum Kuss, der vielleicht ein Biss war:

„Die Punkte (gemeint sind die Punkte über dem Wort וישקיהו) lehren, dass Esaw nicht kam, um ihn zu küssen, sondern um ihn zu beißen! Doch Jakobs Hals wurde zu Marmor, und die Zähne des Bösen wurden stumpf. Was will die Schrift also mit „Und sie weinten“ sagen? Sie bedeutet, dass der eine wegen seines Halses weinte und der andere wegen seiner Zähne.“
(B‘reschit Rabba 78:9)

 

 

Der (nicht-sozialistische) Bruderkuss

”וַיָּ֨רׇץ עֵשָׂ֤ו לִקְרָאתוֹ֙ וַֽיְחַבְּקֵ֔הוּ וַיִּפֹּ֥ל עַל־צַוָּארָ֖ו וַׄיִּׄשָּׁׄקֵ֑ׄהׄוּׄ וַיִּבְכּֽוּ׃“

(בראשית ל"ג ד')

„Da lief ihm Esaw entgegen und umarmte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten.“

(B’reschit, Genesis, 1. Buch Moses 33: 4)
 

Aber vielleicht war es tatsächlich ein liebevoll gemeinter Bruderkuss. Im Gegensatz zu dem Sozialistischen Bruderkuss handelte es sich hier aber erstens um biologische (nicht ideologische) Brüder, und zweitens, die alles andere als Gleichgesinnte waren, eher das Gegenteil.

Und trotzdem glauben einige unserer Gelehrten, dass der Kuss KEIN Biss war, und auch kein bacio della morte, sondern dawkaדַּוְקָא
genau, absichtlich, gerade
ein Akt der Versöhnung.

So schreibt der Jalkut Schimoni:

„Es ist bekannt, dass Esaw Jakob hasste, doch in diesem Augenblick empfand er Mitleid und küsste ihn von ganzem Herzen.“
(im Hebräischen Original: Jalkut Schimoni 722)

 

 

Kein Auge trocken

”וַיָּ֨רׇץ עֵשָׂ֤ו לִקְרָאתוֹ֙ וַֽיְחַבְּקֵ֔הוּ וַיִּפֹּ֥ל עַל־צַוָּארָ֖ו וַׄיִּׄשָּׁׄקֵ֑ׄהׄוּׄ וַיִּבְכּֽוּ׃“

(בראשית ל"ג ד')

„Da lief ihm Esaw entgegen und umarmte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten.“

(B’reschit, Genesis, 1. Buch Moses 33: 4)
 

Nachdem wir uns mit dem Kuss beschäftigt haben, stellt sich die Frage, was es mit dem Weinen auf sich hat?

Wie oben gesehen, ist B‘reschit Rabba skeptisch, was die Authentizität betrifft (Esaw hat ihn nicht geküsst, sondern gebissen, und weinte, weil seine Zähne auf eine harte Oberfläche trafen)

Rabbi Naphtali Zwi Juda Berlin (HaN'ziw) sieht das anders:

„…In diesem Augenblick erwachte in Jakob die Liebe zu Esaw. Und so geht es durch die Generationen hindurch: Wann immer die Nachkommen Esaws von einem reinen Geist dazu bewegt werden, die Nachkommen Israels und ihren Status anzuerkennen, dann werden auch wir dazu bewegt, Esau anzuerkennen, denn er ist unser Bruder.“
(Rabbi Naphtali Zwi Juda Berlin: Haamek Davar zu Bereschit 33:4:1, Metsudah: 2009, Hebräisch & Englisch)  

Wollen wir hoffen, dass auch in der Gegenwart und Zukunft die Nachkommen Esaws Israel und ihren Status anerkennen, und dass, wenn wir einen Kuss von ihnen bekommen, es nicht der bacio della morte ist, sondern ein Kuss von ganzem Herzen.

 
 

 

שַׁבַּת שָׁלוֹם וּמְבֹרָךְ
Schabbat Schalom uM’worach
Ein friedlicher und gesegneter Schabbat

Benjamin Rosendahl

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15. Kisslew 5786,   05. Dezember 2025

 

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