W‘sot HaBrachah - - ein stilles Ende
Die letzte Paraschahⓘ פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt des Chumasch [חוּמָּשׁ - der Fünf Bücher Moses], heißt “W’sot HaBrachah” (und das ist die Brachahⓘבְּרָכָה
Segensspruch, Segensformel, Benediktion
Plural: בְּרָכוֹת
Brachot). Im Gegensatz zu allen anderen Paraschot wird sie aber nicht am Schabbat gelesen, sondern an Simchat Torah, gefolgt vom ersten Wochenabschnitt, B'reschit [בְּרֵאשִׁית] - der Zyklus wird nicht unterbrochen, auf die letzte Paraschah folgt die erste.
Das ist nicht der einzige Unterschied zum Rest der Torah: Moscheh Rabbenu stirbt ganz alleine, und wir wissen nicht einmal, wo er beerdigt ist - im Gegensatz zu den Awot (biblischen Vorvätern, Abraham, Jitzchak und Jakob), den biblischen Königen und den Propheten.
Und trotzdem heißt nur er Moscheh Rabbeinu [רַבֵּנוּ] - unser Rabbiner (auch im Sinne von Lehrer und Vorbild), und auch wird er als einzigartiger Prophet genannt, den es nie so vorher, und nie nachher gab.
- Wie ist dieser anscheinende Widerspruch zu erklären?
Die letzte Brachah
”וְזֹ֣את הַבְּרָכָ֗ה אֲשֶׁ֨ר בֵּרַ֥ךְ מֹשֶׁ֛ה אִ֥ישׁ הָאֱלֹהִ֖ים אֶת־בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֑ל לִפְנֵ֖י מוֹתֽוֹ׃“
(דברים ל"ג א')
„Und dies ist der Segen, mit welchem gesegnet hat Moscheh, der Mann Gottes, die Kinder Jisrael vor seinem Tode.“
(D’warim, Deuteronomy, 5. Buch Moses 33: 1)
Eine letzte Brachah gibt Moscheh Rabbenu seinen Nachfolgern auf dem Weg, und dann stirbt er - alleine, ohne das Heilige Land betreten zu dürfen, auf einem Berg in der Wüste - so wie damals, als er einfacher Hirte im Lande Midian war.
Davor zeigt ihm HaSchem das Heilige Land, das er nicht betreten - aber doch sehen darf:
”וַיֹּ֨אמֶר יְהֹוָ֜ה אֵלָ֗יו זֹ֤את הָאָ֙רֶץ֙ אֲשֶׁ֣ר נִ֠שְׁבַּ֠עְתִּי לְאַבְרָהָ֨ם לְיִצְחָ֤ק וּֽלְיַעֲקֹב֙ לֵאמֹ֔ר לְזַרְעֲךָ֖ אֶתְּנֶ֑נָּה הֶרְאִיתִ֣יךָ בְעֵינֶ֔יךָ וְשָׁ֖מָּה לֹ֥א תַעֲבֹֽר׃“
(דברים ל"ד ד')
„Und HaSchem sprach zu ihm: Dies ist das Land, das ich zugeschworen Awraham, Jizchak und Jaakow, sprechend: Deinen Nachkommen will ich es geben; ich habe es dich sehen lassen mit deinen Augen, aber hinübergehen sollst du nicht.“
(D’warim, Deuteronomy, 5. Buch Moses 34: 4)
Rabbi Tarfon sieht hierbei eine Moral für uns alle:
Nicht deine Aufgabe ist es, die Arbeit zu vollenden, aber du bist auch nicht frei, davon abzusehen.
.לֹא עָלֶיךָ הַמְּלָאכָה לִגְמֹר, וְלֹא אַתָּה בֶן חוֹרִין לִבָּטֵל מִמֶּנָּה
(Pirkei Awot 2:16 - משנה אבות ב׳ ט"ז)
In anderen Worten: Wir Sterblichen werden nicht alle unsere Ziele im Leben erreichen, und auch wir werden nicht unbedingt in unser privates Heilige Land eintreten. Aber wir müssen trotzdem den Weg durch die Wüste machen, und die nächste Generation darauf vorbereiten, das zu vollenden, was wir angefangen haben.
Pilgerreise - nein, danke!
”וַיִּקְבֹּ֨ר אֹת֤וֹ בַגַּי֙ בְּאֶ֣רֶץ מוֹאָ֔ב מ֖וּל בֵּ֣ית פְּע֑וֹר וְלֹא־יָדַ֥ע אִישׁ֙ אֶת־קְבֻ֣רָת֔וֹ עַ֖ד הַיּ֥וֹם הַזֶּֽה׃“
(דברים ל"ד ו')
„Und er begrub ihn im Tale im Land Moab, gegenüber Bet Pe‘or, und niemand kennt seine Grabstätte bis auf diesen Tag.“
(D’warim, Deuteronomy, 5. Buch Moses 34: 6)
Es gibt viele Pilgerreise zu den Grabstätten bekannter Rabbiner (am bekanntesten ist die Reise nach Uman zum Grab Rabbi Nachmans an Rosch HaSchanah) und auch zu den Grabstätten der Awot, zu König David und zu anderen.
Nicht so bei Moscheh Rabbenu - aus dem einfachen Grund, dass keine seine Grabstätte kennt, und Ad‘rabbaⓘ אַדְרַבֲָא
ganz im Gegenteil,
gerade umgekehrt [אַדְרַבֲָא – ganz im Gegenteil, gerade umgekehrt] - keiner soll sie kennen! Denn wir beten zu HaSchem - wir Menschen, einschließlich großer Rabbiner! - sind nur die Rohre, durch die HaSchems Arbeit vollzogen wird.
Und Moscheh Rabbeinu - der Einzige in der Torah, der diesen Titel hat (unser Rabbiner) - war auch „nur“ ein Ewed HaSchem, ein Diener HaSchems. Daher schreibt der RambaM (Mischneh Torah, Hilchot Teschuwah 5:2), dass wir alle wie Moscheh Rabbenu sein können. (Jedoch sagt man ממשה עד משה לא קם כמשה, also von Moscheh (Rabbenu) bis zu Moscheh (ben Maimon) gab es keinen, der dieses Level erreicht hat).
Sei einzigartig, sei Moscheh Rabbenu (oder zumindest versuche es)
”וְלֹא־קָ֨ם נָבִ֥יא ע֛וֹד בְּיִשְׂרָאֵ֖ל כְּמֹשֶׁ֑ה... “
(דברים ל"ד י')
„Und es stand fortan nicht auf ein Prophet in Jisrael wie Moscheh...“
(D’warim, Deuteronomy, 5. Buch Moses 34: 10)
Was war das Besondere an Moscheh Rabbenu? Er hatte weder die Hingabe des Glaubens von Abraham Awinu noch das Charisma von David HaMelech - aber er hatte es etwas anderes: Er war Rabbenu - er hat den Weg HaSchems weitergeleitet, und er tat es mit Bescheidenheit, so dass er als der bescheidenste Mensch des Volkes Israel bezeichnet wird.
Rabbiner Jonathan Sacks sz”l fasst die Lehre von Moscheh Rabbenu für uns so zusammen:
Wir sind so groß wie die Zwecke, denen wir dienen, und wenn wir mit wahrer Demut dienen, durchströmt uns eine Kraft, die größer ist als wir selbst, und bringt die göttliche Gegenwart in die Welt.