BaMidbar - Bescheidenheit
Unsere Paraschahⓘ פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt eröffnet das vierte (von fünf) Buch Moses, und heißt genauso wie es: BaMidbar [בְּמִדְבַּר], also in der Wüste.
Eines der Themen ist Bescheidenheit, und damit fange ich an: Mit den auf fast enzyklopädisches Wissen der Ausführungen von Chaim Noll, der seit Jahrzehnten in der Wüste (im Negev) lebt, und sich genauso lange mit diesem Thema beschäftigt, auch in einem Buch, können sehr wenige Menschen konkurrieren, einschließlich meiner Wenigkeit.
Trotzdem werde ich es versuchen:
- Was ist die Verbindung der Volkszählung zur Erschaffung der Welt im 1. Buch Moses?
- Was lernen wir davon, dass fast alle „Gezählten“ nicht in das Heilige Land eintreten durften?
- Welchen Peruschⓘפֵּירוּשׁ
Interpretation, Auslegung gibt es noch für die Volkszählung? Alle diese Fragen haben eine Antwort: Bescheidenheit.Und auf wen bezieht er sich?
Ordnung muss sein!
”וְאַתָּ֡ה הַפְקֵ֣ד אֶת־הַלְוִיִּם֩ עַל־מִשְׁכַּ֨ן הָעֵדֻ֜ת וְעַ֣ל כׇּל־כֵּלָיו֮ וְעַ֣ל כׇּל־אֲשֶׁר־לוֹ֒ הֵ֜מָּה יִשְׂא֤וּ אֶת־הַמִּשְׁכָּן֙ וְאֶת־כׇּל־כֵּלָ֔יו וְהֵ֖ם יְשָׁרְתֻ֑הוּ וְסָבִ֥יב לַמִּשְׁכָּ֖ן יַחֲנֽוּ׃“
(במדבר א' נ')
„sondern ordne du die Lewiten zu der Wohnung des Zeugnisses und zu allen ihren Geräten und zu allem, was dazu gehört; sie sollen die Wohnung tragen und alle ihre Geräte, und sie sollen sie bedienen und rings um die Wohnung sollen sie lagern.“
(BaMidbar, Numeri, 4. Buch Moses, 1 : 50)
Das Volk Israel wird gezählt, außer den Lewiten, denen HaSchem aber spezifische Aufgaben zuteilt.
Chasalⓘ חז״ל
Unsere Weisen z”l
(Die Weisen der Mischnah- und Talmud-Ära) sehen in dem Chaos der Wüste eine Spiegelung des Tohuwabohu [תֹּהוּ וָבֹהוּ] vor der Erschaffung der Welt. Und in dieses Chaos muss eine Ordnung hinein, sei es durch die Volkszählung, sei es durch die Aufgaben der Lewiter.
Der RamChaL sagt in diesem Zusammenhang: Wir brauchen Struktur, damit jeder seinen Platz (in der g-ttlichen Ordnung) kennt. In anderen Worten hat diese Struktur eine Aufgabe: Bescheidenheit vor G-tt und der von ihm geschaffenen Welt zu schaffen.
Gezählt, aber nicht ausgewählt
”שְׂא֗וּ אֶת־רֹאשׁ֙ כׇּל־עֲדַ֣ת בְּנֵֽי־יִשְׂרָאֵ֔ל לְמִשְׁפְּחֹתָ֖ם לְבֵ֣ית אֲבֹתָ֑ם בְּמִסְפַּ֣ר שֵׁמ֔וֹת כׇּל־זָכָ֖ר לְגֻלְגְּלֹתָֽם׃“
(במדבר א' ב')
„Nehmt auf die Zahl der ganzen Gemeinde der Kinder Jisrael nach ihren Familien, nach ihren Stammhäusern, durch das Zählen der Namen aller Männlichen nach den Köpfen;“
(BaMidbar, Numeri, 4. Buch Moses, 1 : 2)
HaSchem ordnet hier zum ersten Mal eine Volkszählung an. Die nächste wird 40 Jahre später sein, kurz vor dem Eintritt ins Heilige Land - und mit wenigen Ausnahmen wird keiner der zuerst gezählten dabei sein, als Strafe für die kurz vor dem Eintritt ins Heilige Land.
Warum also Zählen, wenn die Gezählten nicht ausgewählt sind, das Heilige Land zu betreten?
Die Antwort:
Auch wenn wir für die „große Aufgabe“ nicht ausgewählt wurden, so haben wir doch eine, wenn auch bescheidenere Rolle. In diesem Fall - den Mischkan [מִשְׁכָּן - das Stiftszelt] zu organisieren und dort HaSchem zu dienen. Oder in der Metapher von Abarbanel: Der Mischkan sollte wie das Herz im Inneren des Körpers sein, und die Stämme wie die Glieder.
In anderen Worten ist unsere Aufgabe: Bescheidenheit, als Teil der Mizwahⓘמִצְוָוה
Gebot, G-ttes Namen zu heiligen.
Vorsicht!
”וְזֹ֣את ׀ עֲשׂ֣וּ לָהֶ֗ם וְחָיוּ֙ וְלֹ֣א יָמֻ֔תוּ בְּגִשְׁתָּ֖ם אֶת־קֹ֣דֶשׁ הַקֳּדָשִׁ֑ים אַהֲרֹ֤ן וּבָנָיו֙ יָבֹ֔אוּ וְשָׂמ֣וּ אוֹתָ֗ם אִ֥ישׁ אִ֛ישׁ עַל־עֲבֹדָת֖וֹ וְאֶל־מַשָּׂאֽוֹ׃ וְלֹא־יָבֹ֧אוּ לִרְא֛וֹת כְּבַלַּ֥ע אֶת־הַקֹּ֖דֶשׁ וָמֵֽתוּ׃“
(במדבר ד' י"ט-כ')
„Und das tut ihnen, dass sie leben und nicht sterben, indem sie nahen dem Allerheiligsten: Aharon und seine Söhne sollen hineingehen und sie weisen, jeglichen zu seinem Dienste und zu seiner Bürde, dass sie nicht hineingehen, um zu schauen, wie man das Heiligtum verhüllt, und sterben.“
(BaMidbar, Numeri, 4. Buch Moses, 4 : 19-20)
Dies ist der letzte Satz unserer Paraschah. Er warnt das Volk Israel, dem Qodesch HaQodaschim [קֹדֶשׁ הַקֳּדָשִׁים – Allerheiligsten] zu nahe zu kommen.
Der Midrasch BaMidbar Rabbah gibt dazu den folgenden Perusch:
לְהוֹדִיעֲךָ שֶׁאֵין גַּאֲוָה לִפְנֵי הָאֱלֹהִים
In der Gegenwart G-ttes hat Größe keinen Platz.
In anderen Worten ist auch hier die Moral von der Geschichte: Bescheidenheit.
Zum Abschluß eine Geschichte zur Wichtigkeit der Wüste:
Der Lubawitscher Rebbe beauftragte Dr. William Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit einer Übersetzung eines wichtigen Werkes ins Deutsche. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass „Deutschland eine spirituelle Wüste sei“. Der Rebbe antwortete ihm: „Aber die Torah wurde in der Wüste gegeben!“