WaJechi - Rachels Grab als Zeichen der Hoffnung
Unsere Paraschahⓘ פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt heißt „WaJechi“ [וַיְחִי], also „und er lebte“ (Jakob Awinu). Wie wir in der Vergangenheit gelernt haben, handelt die Paraschah aber dawkaⓘדַּוְקָא
genau, absichtlich, gerade vom Tod Jakobs. Vorher aber erinnert sich Jakob an seine geliebte Frau Rachel, die er auf dem Weg begraben hatte.
- Warum gibt uns Rachels Grab Hoffnung?
- Was ist die Verbindung von Rachels Grab zum Zionismus und zu Max Nordau?
- Was ist die Verbindung zur Rückkehr der Geiseln und der Soldaten vom Gaza-Krieg?
Auf dem Weg
”וַאֲנִ֣י בְּבֹאִ֣י מִפַּדָּ֗ן מֵ֩תָה֩ עָלַ֨י רָחֵ֜ל בְּאֶ֤רֶץ כְּנַ֙עַן֙ בַּדֶּ֔רֶךְ בְּע֥וֹד כִּבְרַת־אֶ֖רֶץ לָבֹ֣א אֶפְרָ֑תָה וָאֶקְבְּרֶ֤הָ שָּׁם֙ בְּדֶ֣רֶךְ אֶפְרָ֔ת הִ֖וא בֵּ֥ית לָֽחֶם׃“
(בראשית מ"ח ז')
„Mir aber, als ich kam von Padan, starb Rachel im Land Kenaan, auf dem Weg, da noch ein Stück Landes war bis nach Efrat hin; und ich begrub sie dort auf dem Weg nach Efrat, das ist Bet-Lechem.“
(B’reschit, Genesis, 1. Buch Moses , 48: 7)
Eigentlich ist das etwas sehr trauriges: Auf seinem Sterbebett hat Jakob Awinu Gewissensbisse, dass seine geliebte Frau Rachel auf dem Weg gestorben war, und dass er sie nicht in der Me`arat HaMachpelah [מְעָרַת הַמַּכְפֵּלָה - Höhle der Patriarchen (wo nach jüdischer Überlieferung die Stammväter begraben sind)], sondern in einer Wegstation begraben hatte.
Raschi sieht das anders: Wenn das Volk Israel in die Galutⓘ גָּלוּת
Diaspora
Exil vertrieben wird, kann es auf dem Weg beim Grab von Rachel vorbei und dort für die Rückkehr ins Heilige Land beten. Und auch Rachel wird mit dem jüdischen Volk vom Grab aus, weinen und für die Rückkehr beten.
Deine Kinder sollen zurück in die Heimat kommen
Diese Sehnsucht, und die Hoffnung nach der Rückkehr ins Heiligen Land spiegelt sich auch in den Worten des Propheten Jeremiah [Jirm’jahu - יִרְמְיָהוּ auch Jirm’jah - יִרְמְיָה] wieder, der im Zusammenhang zu Rachel Immenu [Rachel unsere Mutter] sagt:
”כֹּ֣ה אָמַ֣ר יְהֹוָ֗ה ק֣וֹל בְּרָמָ֤ה נִשְׁמָע֙ נְהִי֙ בְּכִ֣י תַמְרוּרִ֔ים רָחֵ֖ל מְבַכָּ֣ה עַל־בָּנֶ֑יהָ מֵאֲנָ֛ה לְהִנָּחֵ֥ם עַל־בָּנֶ֖יהָ כִּ֥י אֵינֶֽנּוּ׃ כֹּ֣ה אָמַ֣ר יְהֹוָ֗ה מִנְעִ֤י קוֹלֵךְ֙ מִבֶּ֔כִי וְעֵינַ֖יִךְ מִדִּמְעָ֑ה כִּי֩ יֵ֨שׁ שָׂכָ֤ר לִפְעֻלָּתֵךְ֙ נְאֻם־יְהֹוָ֔ה וְשָׁ֖בוּ מֵאֶ֥רֶץ אוֹיֵֽב׃ וְיֵשׁ־תִּקְוָ֥ה לְאַחֲרִיתֵ֖ךְ נְאֻם־יְהֹוָ֑ה וְשָׁ֥בוּ בָנִ֖ים לִגְבוּלָֽם׃“
(בראשית מ"ח ז')
„So spricht der HERR: Man hört Klagegeschrei und bitteres Weinen in Ramah: Rachel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder; denn es ist aus mit ihnen. Aber so spricht der HERR: Lass dein Schreien und Weinen und die Tränen deiner Augen; denn deine Mühe wird belohnt werden, spricht der HERR. Sie sollen wiederkommen aus dem Lande des Feindes, und es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft, spricht der HERR: Deine Kinder sollen wieder in ihre Heimat kommen.“
(Jeremiah, 31:15-17)
Aber nicht nur biblische Propheten sehen in dieser Geschichte etwas Hoffnungsvolles - auch der moderne, und absolut säkulare, Zionist Max Nordau benutzte diese Worte „W‘Schawu Wanim LiGwulam“*** [וְשָׁבוּ בָנִים, לִגְבוּלָם] (Deine Kinder sollen zurück in ihre Heimat kommen) auf Hebräisch beim 1. Zionistenkongress in Basel (1897). Wie es dazu kam, erzählt Nordaus Freund Abraham Shalom Yahuda (1877–1951) in seinem autobiografischen Buch „Ewer W‘Araw“ [וְעָרָב עֵבֶר] (1946):
***Anmerkung der Redaktion: Die korrekte Transliteration von וְשָׁבוּ בָנִים לִגְבוּלָם lautet „W‘Schawu Wanim LiGwulam“, obwohl sie sich im modernen Hebräisch zu „WeSchawu Banim LeGwulam“ gewandelt hat. Wir bemühen uns, dem Originaltext aus dem Buch Jeremiah treu zu bleiben.
Am zweiten Abend des Ersten Zionistenkongresses in Basel hielt Nordau eine lange Rede auf Deutsch. Mehrmals zitierte er als Motto drei Worte aus dem Buch Jeremiah auf Hebräisch: «w‘Schawu Wanim liGwulam». Als ein junger Abgeordneter auf dem Kongress ihn fragte, wie er diesen Vers gefunden habe, insbesondere auf Hebräisch, da dies nicht zu Nordaus Bildungshintergrund passte, antwortete Nordau:
Ich kenne diese Worte von demjenigen, dem ich mein ganzes Judentum und meinen Zionismus verdanke. Einem Menschen, dessen Namen ich nicht einmal kenne. Einem Menschen, der im Grunde nur ein kleiner Junge von acht oder zehn Jahren war. Und so geschah es:
Ich leitete eine Kinderklinik in Paris (Max Nordau war Arzt, BR). Eine Immigrantin aus Polen kam mit einem blassen Jungen, acht oder zehn Jahre alt, der seit drei Wochen krank war. Wie sich herausstellte, sprach das Kind kaum Französisch, und lernte in einem Cheder (religiöse jüdische Grundschule). Verärgert über diese Bildungslücken der modernen Erziehung fragte ich das Kind: „Was hast du denn im Cheder gelernt?“ Seine Augen leuchteten auf, und auf Jiddisch, das ich dank meiner Deutschkenntnisse verstand, erzählte er mir, was er zuletzt im Cheder gelernt hatte.
„Warum erzählt Jakob mitten in seiner Bitte die Geschichte vom Grab Rahels?“ „Raschi sagt“, – zitiert vom acht- oder zehnjährigen Kind - dass Jakob sich genötigt fühlte, sich bei Josef zu entschuldigen und zu sagen: „Ich belästige dich so sehr, dass du mich von Ägypten nach Hebron gebracht hast, und ich selbst habe mich nicht einmal die Mühe gemacht, deine Mutter Rachel mitzunehmen. Und dabei war ich ganz in der Nähe. Bis fast nach Bethlehem. Selbst in die Stadt hinein habe ich sie nicht mitgenommen, ich habe sie unterwegs begraben. Aber ich bin nicht schuldig und habe nicht falsch gehandelt. Gott wollte es so. Er wusste: Der Mörder Nebukadnezar würde Rachels Söhne, ihre Söhne, in der Zeit der ersten Zerstörung ins Exil führen, und dann würde sie ihr Grab verlassen und weinen und klagen, und ihre Stimme würde gehört werden: Rahel weint um ihre Kinder.“
„Aber der Herr antwortet ihr: ‚Hör auf zu weinen und lass die Tränen fließen, denn deine Taten werden belohnt und es gibt Hoffnung für die Zukunft, und die Kinder werden in ihr Land zurückkehren.‘ «W‘Schawu Wanim LiGwulam. »“
„Und ich“, sagt Dr. Max Nordau, „wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wandte mich zum Fenster, damit Mutter und Kind die Tränen nicht sahen, die mir über die Wangen liefen, und dachte: ‚Max, schämst du dich denn gar nicht? Du bist ein gebildeter Mann, ein Intellektueller, promoviert, aber du weißt nichts über die Geschichte deines Volkes. Nichts aus den heiligen Schriften? Und hier, dieses kranke, schwache Kind, ein Einwanderer, ein Flüchtling, spricht von Jakob, Josef, Jeremiah und Rachel, als wäre es gestern gewesen, als wäre alles noch vor seinen Augen?‘“
„Ich wischte mir die Tränen von den Wangen, wandte mich ihnen zu und dachte: ‚Ein Volk mit solchen Kindern, die ihre Vergangenheit wirklich leben, wird eine strahlende Zukunft haben.‘“
„In der Wochenendzeitung sah ich eine Anzeige:
Wer das Schicksal des jüdischen Volkes am Herzen liegt, ruft bitte an, um eine Antwort zu finden.
Dr. Theodor Herzl
Ich rief sofort an. Als wir den Zionistenkongress gründeten, beim ersten, als ich die Ehre hatte, zu sprechen, stand die Gestalt jenes kleinen Jungen vor mir, dessen Namen ich nicht einmal mehr weiß. Aber diese Worte werde ich nie vergessen, denn sie sind das Fundament des Zionismus, sie sind die Säulen des Judentums: WiSchawu Wanim LiGwulam“
Deine Kinder sollen zurück in die Heimat kommen:
Auch Heute!
Beim Gaza-Krieg sah man diese drei Worte וְשָׁבוּ בָנִים, לִגְבוּלָם - WiSchawu Wanim LiGwulam überall - denn es war diese Hoffnung, sowohl die 255 Geiseln zurück in ihre Heimat zu bringen, als auch die Soldaten.