Tasria‘-M‘zora‘: von Lepra und Tumahⓘטוּמְאָה
rituelle Unreinheit
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In unserer Doppel-Paraschah ist von Lepra die Rede, und auch von Tumahⓘטוּמְאָה
rituelle Unreinheit – aber:
- Handelt es sich bei Zara’at [צָרַעַת] wirklich um die auch als Hansen-Krankheit bekannte Infektionskrankheit?
- Oder geht es um ein körperliches Zeichen schlechten Verhaltens?
- Warum ist eine Frau dawkaⓘדַּוְקָא
genau, absichtlich, gerade nach einem so heiligen und reinen Akt wie der Geburt „tame“ [טָמֵא], also unrein?
Zara´at - Abkürzung (und Strafe) für üble Nachrede
”זֹ֤את תִּֽהְיֶה֙ תּוֹרַ֣ת הַמְּצֹרָ֔ע בְּי֖וֹם טׇהֳרָת֑וֹ וְהוּבָ֖א אֶל־הַכֹּהֵֽן׃“
(ויקרא י"ד ב')
„Das sei das Gesetz für den M'zora' am Tag seiner Reinigung: er werde zum Priester gebracht.“
(WaJikra, Leviticus, 3. Buch Moses 14: 2)
Hansen-Haus-1897
In Jerusalem steht das sogenannte Hansen-Haus - auch bekannt als Beit HaM‘zora’im [בֵּיִת הַמְצוֹרָעִים] oder „Aussätzigen-Haus“. Es hauste in der Tat jahrzehntelang Lepra-Kranke, und bis vor nicht allzu langer Zeit: 2009 ließen sich dort, in einem sehr zentral gelegenen Teil der Stadt, nicht weit vom Jerusalem-Theater und von den Szene-Cafés und Restaurants der Emek-Refaim-Straße gab es ein Gebäude mit Kranken eine lange Zeit als unheilbar geltenden, ansteckenden Infektionskrankheit mit teils schrecklichen Entstellungen, die vor allem in Entwicklungsländern häufig ist.
Was ist aus dem Hansen-Haus geworden? Mehr dazu später.
Lepra ist eine der ältesten Krankheiten. Sie kommt auch in unserer Paraschah vor. Aber handelt es sich dabei wirklich um die gleiche Krankheit?
Der RambaM sagt in seinem Mammutwerk „Mischneh Torah“ (Hilchot Tumat Zaraat) ganz klar, dass die Zara´at eine Strafe für L’schon HaRa‘ⓘלְשׁוֹן הָרָע
üble Nachrede ist, ein äußeres Zeichen für eine Verhaltenssünde.
Chasalⓘ חז״ל
Unsere Weisen z”l
(Die Weisen der Mischnah- und Talmud-Ära) fügen ein Wortspiel hinzu:
מְצוֹרָע - מוֹצִיא שֵם רַע (Mezora‘ = Mozi Schem Ra‘),
also: Mezora‘ ist eine Abkürzung für מוֹצִיא שֵם רַע - „Verbreiter übler Nachrede“. Und in der Tat ist die L‘schon HaRa‘ eine ansteckende Krankheit, die einen häßlich macht, nicht äußerlich, sondern innerlich.
Da ist es vielleicht keine schlechte Idee, dass die Verbreiter von übler Nachrede - so wie die Lepra-Kranken - außerhalb von Ansiedlungen leben (daher auch die Übersetzung „Aussätziger“ für Mezora‘).
Tumah - die unreine Geburt?
”דַּבֵּ֞ר אֶל־בְּנֵ֤י יִשְׂרָאֵל֙ לֵאמֹ֔ר אִשָּׁה֙ כִּ֣י תַזְרִ֔יעַ וְיָלְדָ֖ה זָכָ֑ר וְטָֽמְאָה֙ שִׁבְעַ֣ת יָמִ֔ים כִּימֵ֛י נִדַּ֥ת דְּוֺתָ֖הּ תִּטְמָֽא׃“
(ויקרא י"ב ב')
„Sprich zu den Kindern Jisrael also: wenn eine Frau Nachkommen zur Welt bringt und gebiert ein Männliches, so soll sie unrein sein sieben Tage, wie die Tage, wo sie an ihrer Absonderung leidet, sei sie unrein.“
(WaJikra, Leviticus, 3. Buch Moses 12: 2)
Warum ist eine Frau, die so etwas reines und heiliges macht wie ein Kind zur Welt bringen - tumah, also rituell unrein?
Dazu sagt Abraham Burg, Sohn von Rabbiner (und Politiker) Josef Burg etwas sehr Interessantes (in seinem Buch „Parashat HaShavuah beLaschon Bnei Adam“, übersetzt als “Wochenabschnitt in menschlicher Sprache”, nur auf Hebräisch erschienen):
Im Gegensatz zu Zara´at hat Tumah keine Strafe für schlechtes Verhalten. Die rituelle Unreinheit ist vielmehr etwas, das zwei der Hauptelemente unseres Lebens voneinander trennt: Leben und Tod.
Und in diesem Zusammenhang ist es zu verstehen, dass eine schwangere Frau während der ganzen Zeit ihrer Schwangerschaft als rein (טְהוֹרָה) gilt - und erst, wenn ihr Mutterleib KEIN Leben mehr in sich trägt, also nach der Geburt, sie als unrein gilt.
Die Geburt bringt neues Leben in die Welt - aber hat auch einen Aspekt des Todes, der sich sowohl für die Mutter als auch für das Neugeborene nähert. Oder in den Worten des Englischen Dichters Abraham Cowley: „Das Leben ist eine unheilbare, tödliche Krankheit.“
Nachwort - das Hansen-Haus
Hansen-Haus - Heute
Zurück zum Hansen-Haus in Jerusalem: Es wurde in eine Künstlerresidenz umfunktioniert. Was für ein wunderschöner Tikkun [תִּיקּוּן - Korrektur]!
Die „Anderen“ leiden nicht an einer unheilbaren Krankheit, sondern produzieren wunderschöne Kunstwerke. Sind auch nicht Aussätzige, sondern natürlicher Teil der Landschaft, die sie durch ihre Kunst noch schöner machen.