Ekew - höre zu!
Unsere Paraschahⓘ פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt heisst Ekew [עֵקֶב], was sich als „deswegen“ übersetzen lässt (siehe dazu hier) - im Hebräischen folgt darauf das Wort תִּשְׁמְעוּן (tischme´un) - zuhören. Es kann aber auch als einhalten (zB Mizwotⓘמִצְוָוה
Gebot,
plural: מִצְווֹת
Mizwot) und als folgen übersetzt werden.
Dieses Zuhören ist wahrscheinlich der Akt, der das Judentum mehr als alles andere definiert - unsere Propheten haben das Wort HaSchems gehört, und wir von unseren Propheten, wir sind ein Volk der Zuhörer, und unser Hauptgebet heißt Sch´ma Israel [שְׁמַע יִשְׂרָאֵל], also Höre Israel.
Höre zu!
”וְהָיָ֣ה ׀ עֵ֣קֶב תִּשְׁמְע֗וּן אֵ֤ת הַמִּשְׁפָּטִים֙ הָאֵ֔לֶּה וּשְׁמַרְתֶּ֥ם וַעֲשִׂיתֶ֖ם אֹתָ֑ם וְשָׁמַר֩ יְהֹוָ֨ה אֱלֹהֶ֜יךָ לְךָ֗ אֶֽת־הַבְּרִית֙ וְאֶת־הַחֶ֔סֶד אֲשֶׁ֥ר נִשְׁבַּ֖ע לַאֲבֹתֶֽיךָ׃“
(דברים ז' י"ב)
„Und es wird geschehen: zum Lohn, dass ihr gehorcht diesen Vorschriften und sie beobachtet und tut, wird HaSchem, dein Gott, dir bewahren den Bund und die Gnade, die er geschworen deinen Vätern.“
(D’warim, Deuteronomy, 5. Buch Moses 7: 12)
Das Wort תִּשְׁמְעוּן (tischme´un) ist hier als „dass ihr gehorcht“ übersetzt, kommt aber im Hebräischen von der Wurzel ש-מ-ע (sch-m-a), also von hören. Varianten dieser Wort-Wurzel kommen im 5. Buch Moses insgesamt fast 100 Mal vor, u.a. auch letzte Woche, wo das wohl wichtigste jüdische Gebet erwähnt wurde: שְׁמַע יִשְׂרָאֵל - Schma Israel, also Höre Israel!
Das Judentum ist eine Religion des Zuhörens, nicht des Sehens (im Gegensatz beispielsweise zum antiken Griechenland, das eine sehr visuelle Kultur war). Das heißt nicht, dass es im Judentum keine visuellen Elemente gibt. Es gibt sie, aber sie sind nicht primär. Zuhören ist die heilige Aufgabe. Was Abraham, Moses und die Propheten von ihren Zeitgenossen unterschieden, war, dass sie die Stimme hörten, die für andere unhörbar war.
Und wir folgen dieser Tradition: So ist es nach den Zehn Geboten absolut verboten, sich ein Bildnis von HaSchem zu machen. Stattdessen nähern wir uns HaSchem mit Worten, wir hören ihm zu, und hoffen, dass er unsere T‘fillot (תְּפִלּוֹת - Gebete) erhört.
Dazu eine Geschichte zum Wert des Zuhörens, und wie es sogar Leben retten kann:
Der berühmte Wiener jüdische Psychologe und Auschwitz-Überlebende Viktor Frankl, erzählte einmal die Geschichte einer seiner Patientinnen, die ihn mitten in der Nacht anrief, um ihm ruhig und sachlich mitzuteilen, dass sie im Begriff sei, Selbstmord zu begehen. Er ließ sie zwei Stunden lang am Telefon und nannte ihr jeden erdenklichen Grund zum Leben. Schließlich sagte sie, sie habe ihre Meinung geändert und würde ihrem Leben nicht ein Ende setzen.
Als er die Frau das nächste Mal sah, fragte er sie, welcher seiner vielen Gründe sie dazu bewogen habe, ihre Meinung zu ändern. „Keiner“, antwortete sie. „Warum haben Sie sich dann entschieden, keinen Selbstmord zu begehen?“ Sie antwortete, die Tatsache, dass jemand bereit war, ihr zwei Stunden lang mitten in der Nacht zuzuhören, habe sie davon überzeugt, dass das Leben doch lebenswert sei.