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Der Wochenabschnitt
נָשֹׂא
Nasso

Aktuelle Themen zur Wöchentlichen Parascha, aus Jerusalem der Heiligen Stadt, ת"ו


Nasso -   Mönch mit Hindernissen

Unser Wochenabschnitt beschreibt den Nasir [נָזִיר] (eine Art jüdischer Mönch, der sich dem Weingenuss, Haareschneiden und der Nähe von Toten enthält). In der Haftarah [הַפְטָרָה] wird die Geschichte der Geburt des wohl berühmtesten Nasirs, Simson [שִׁמְשׁוֹן - Schimschon], erzählt. Was können wir von diesem Fallbeispiel lernen?

 

 

Löwenmähne

”כׇּל־יְמֵי֙ נֶ֣דֶר נִזְר֔וֹ תַּ֖עַר לֹא־יַעֲבֹ֣ר עַל־רֹאשׁ֑וֹ עַד־מְלֹ֨את הַיָּמִ֜ם אֲשֶׁר־יַזִּ֤יר לַיהֹוָה֙ קָדֹ֣שׁ יִהְיֶ֔ה גַּדֵּ֥ל פֶּ֖רַע שְׂעַ֥ר רֹאשֽׁוֹ׃“

(במדבר ו' ה')

„Die ganze Zeit des Gelübdes seiner Enthaltung gehe kein Schermesser über sein Haupt; bis die Tage um sind, da er enthaltsam sein will für HaSchem, sei er heilig, er lasse frei wachsen das Haar seines Hauptes.“

(BaMidbar, Numeri, Buch Moses 5:6)
 

Wie wir hier und hier besprochen haben, ist jemand, der sich durch ein Gelübde zum Nasir macht, untersagt, seine Haare zu schneiden.

Der Held unserer Haftarah, Simson (im israelischen Volksmund oft שִׁמְשׁוֹן הַגִּבּוֹר [Schimschon HaGibor], also Schimschon, der Held, genannt), ist von Geburt aus Nasir. Seine Haare sind der Ursprung seiner fast übermenschlichen Kraft, mit der er es schafft, unzählige Feinde zu besiegen. Als er von den Philistern in Gaza gefangen und gefoltert wird (ja, es hat leider traurige Aktualität!), werden ihm auch die Haare geschoren - er verliert seine Kraft.

 

 

So soll ich mit den Philistern sterbenaus der Geschichte Simsons vom Buch der Richter 16:30
תָּמוֹת נַפְשִׁי עִם פְּלִשְׁתִּים

”כׇּל־יְמֵ֥י הַזִּיר֖וֹ לַיהֹוָ֑ה עַל־נֶ֥פֶשׁ מֵ֖ת לֹ֥א יָבֹֽא׃“

(במדבר ו' ו')

„Die ganze Zeit seiner Enthaltsamkeits-Weihe für HaSchem, komme er zu keiner Leiche.“

(BaMidbar, Numeri, Buch Moses 6:6)
 

Das wiederum trifft auf Simson nicht zu, oder wie R' Mosche Bollag bei uns erklärt:

„Weiter kann man ein Nasir-tum auf sich nehmen, wie es Simson einer war. Auch dieses gilt ewig, das Haareschneiden ist jedoch untersagt, wie auch der Genuss von Trauben etc. Dafür ist der Kontakt mit Leichen erlaubt. Simson tötete ja äußerst viele Philister.“

Wie der israelische Schriftsteller David Grossman in seinem wunderschönen Peruschפֵּירוּשׁ
Interpretation, Auslegung
zu der Geschichte von Simson, „Löwenhonig“, feststellt, ist dies eine große Tragödie: Denn Simson wollte mehr als alles andere geliebt werden. Er ist ein vor Kraft strotzender Helden, der sich sein Leben lang nach der Liebe sehnt, der seiner Eltern, die er nie erhält, und der von Delilah, die ihn betrügt.

Nasir sein heißt einsam sein. Und die Kraft? Wird ihm zum Verhängnis - als er sich letztlich befreit, bringt er den Philister-Tempel zum Einsturz, wodurch er 3000 Philister in den Tod reißt - und sich selbst.

Was für ein Gegensatz zu König Salomon, der im Gegensatz zu Simson zwar kein Richter war, aber kluge Urteile gefällt hat (und überhaupt klug war), der zwar kein Nasir war, aber dafür kaum mit Leichen in Kontakt kam, und einer der friedfertigen Könige des jüdischen Volkes war. Und im Gegensatz zum Philister-Tempel, den Simson zerstörte, erbaute König Salomon den jüdischen Tempel, den Beit HaMikdasch [בֵּית־הַמִּקְדָּשׁ], der, wenn Maschiach [מָשִׁיחַ – Messias - Erlöser] kommt, wieder aufgebaut wird.

 

 

Löwenhonig

”כׇוַיֹּ֣אמֶר לָהֶ֗ם מֵהָֽאֹכֵל֙ יָצָ֣א מַאֲכָ֔ל וּמֵעַ֖ז יָצָ֣א מָת֑וֹק וְלֹ֥א יָכְל֛וּ לְהַגִּ֥יד הַחִידָ֖ה שְׁלֹ֥שֶׁת יָמִֽים׃“

(שופטים י"ד י"ד)

„Er sprach zu ihnen: Aus dem Fresser kam Fraß, und aus dem Starken (auch: Bitteren) kam Süßes. Sie vermochten nicht das Rätsel zu lösen drei Tage lang. “

(Schoftim, Judicum, Richter 14:14)
 

Zum Schluss etwas Optimistisches: Nachdem Simson mit baren Händen gegen einen Löwen kämpft, und ihn schließlich tötet, verlobt er sich, und geht zurück zum Löwen-Kadaver. Im Barte des toten Löwen hatten sich in der Zwischenzeit Bienen eingenistet.

Simson aber holt aus einer (bestimmt nicht sehr ästhetisch aussehenden und noch dazu sehr unangenehm riechenden) Leiche, und einer Bienenwabe mit lauter Bienen, die einen stechen können, etwas Süßes heraus: Honig.

 

Simson sagt: „Vom Bitteren kommt Süßes.“
Soll heißen: Auch aus der übelsten Situation kann etwas Gutes, etwas Süßes, herauskommen.

 
 

 

שַׁבַּת שָׁלוֹם וּמְבֹרָךְ
Schabbat Schalom Um’worach
Einen Friedvollen und gesegneten Schabbat

Benjamin Rosendahl

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10. Siwan 5785,   06. Juni 2025

 

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