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Der Wochenabschnitt
בַּמִּדְבָּר
BaMidbar

Aktuelle Themen zur Wöchentlichen Parascha, aus Jerusalem der Heiligen Stadt, ת"ו


Erhobene Zahlen –  Die Bedeutung der Volkszählungen in Sefer BaMidbar

Einleitung

Sefer BaMidbar [סֵפֶר בַּמִּדְבָּר – Das Buch BaMidbar (wörtlich: In der Wüste)] wird von Chasal חז״ל
Unsere Weisen z”l
(Die Weisen der Mischnah- und Talmud-Ära)
als „Buch der Volkszählungen“ bezeichnet, da es mit einer Zählung des Volkes Israel beginnt und nahe seinem Abschluss eine weitere Zählung enthält. Doch neben den Zahlen verbirgt sich hinter jeder dieser Zählungen eine tiefere Bedeutung. Jede Volkszählung in der Torah war nicht nur eine statistische Erhebung, sondern ein Moment der individuellen Anerkennung und spirituellen Erhebung.

 

 

Die drei Zählungen und ihre Unterschiede

In der Torah finden wir drei bedeutende Volkszählungen:

  1. Die erste Zählung geschah nach dem Auszug aus Ägypten. Sie wurde mit Hilfe der Halb-Schekel durchgeführt, die für die Errichtung des Mischkan      ⓘ מִשְׁכָּן - Stiftzelt bestimmt waren (Sch’mot, Exodus, 2. Buch Mose 30:11-16). Sie symbolisiert den Übergang von Sklaverei zu Heiligkeit und kollektiver Verantwortung.
  2. Die zweite Zählung die in unserer Paraschah      ⓘ פָּרָשָׁה
    Wochenabschnitt
    BaMidbar beschrieben wird, erfolgte im zweiten Jahr der Wüstenwanderung. Die Zählung wurde von Mosche Rabbeinu, Aharon und den Stammesführern durchgeführt, nicht von anonymen Beamten. Diese Volkszählung war mehr als eine reine Erfassung der Bevölkerung – sie war eine Anerkennung der individuellen Bedeutung jedes einzelnen Juden.
  3. Die dritte Zählung, die in Paraschat Pinchas beschrieben wird, fand am Ende der 40-jährigen Wanderung in der Wüste statt. Dies war die Vorbereitung auf den Eintritt in das Land Israel, in dem jeder Stamm sein Erbe empfangen sollte. Während die vorherigen Zählungen auf die spirituelle Identität des Volkes fokussiert waren, betonte diese die praktische Umsetzung der göttlichen Verheißung.

Die Wahl der Zählenden zeigt die enorme Bedeutung dieses Aktes: Mosche Rabbeinu, Aharon und die zwölf Stammesführer standen persönlich für jede Person ein. Es war nicht nur ein administrativer Vorgang, sondern eine Bekräftigung des Wertes eines jeden Menschen.

 

 

Die Bedeutung des Einzelnen

שְׂא֗וּ אֶת־רֹאשׁ֙ כׇּל־עֲדַ֣ת בְּנֵֽי־יִשְׂרָאֵ֔ל לְמִשְׁפְּחֹתָ֖ם לְבֵ֣ית אֲבֹתָ֑ם בְּמִסְפַּ֣ר שֵׁמ֔וֹת כׇּל־זָכָ֖ר לְגֻלְגְּלֹתָֽם׃“

(במדבר א' ב')

Nehmt auf die Zahl der ganzen Gemeinde der Kinder Jisrael nach ihren Familien, nach ihren Stammhäusern, durch das Zählen der Namen aller Männlichen nach den Köpfen;“

(WaJikra, Leviticus, 3. Buch Moses 25:6)
 

Der RambaN erläutert, dass das Wort שְׂאוּ (Bamidbar 1:2) nicht nur „Zählen“ bedeutet, sondern auch „Erheben“. Die Zählung sollte den Menschen nicht als bloße Zahl erfassen, sondern ihm seinen Wert bewusst machen.

In der Geschichte von Josef (B’Reschit, Genesis, 1.Buch Mose 40:13) sagt er dem Oberschenk: „בְּעוֹד שְׁלֹשֶׁת יָמִים יִשָּׂא פַרְעֹה אֶת רֹאשֶׁךָ“ „Pharao wird dein Haupt erheben und dich wieder in deine Stellung einsetzen.“

Auch in unserer Paraschah geschieht eine Erhebung: Jeder Mensch erhält das Bewusstsein seiner einzigartigen Rolle im göttlichen Plan.

Die Mischnah [מִשְׁנָה] in Sanhedrin 4:5 lehrt:

”לְפִיכָךְ נִבְרָא אָדָם יְחִידִי, לְלַמֶּדְךָ, שֶׁכָּל הַמְאַבֵּד נֶפֶשׁ אַחַת מִיִּשְׂרָאֵל, מַעֲלֶה עָלָיו הַכָּתוּב כְּאִלּוּ אִבֵּד עוֹלָם מָלֵא. וְכָל הַמְקַיֵּם נֶפֶשׁ אַחַת מִיִּשְׂרָאֵל, מַעֲלֶה עָלָיו הַכָּתוּב כְּאִלּוּ קִיֵּם עוֹלָם מָלֵא... לְפִיכָךְ כָּל אֶחָד וְאֶחָד חַיָּב לוֹמַר, בִּשְׁבִילִי נִבְרָא הָעוֹלָם.“

(משנה סנהדרין ד' ה')

„Daher wurde der Mensch einzeln erschaffen, um zu lehren, dass wer ein einziges jüdisches Leben zerstört, so gesehen wird, als hätte er eine ganze Welt zerstört. Und wer ein einziges jüdisches Leben erhält, so gesehen wird, als hätte er eine ganze Welt erhalten... Daher muss jeder sagen: «Für mich wurde die Welt erschaffen».“

(Sanhedrin 4:5)
 

Jeder Mensch ist eine ganze Welt und trägt eine enorme Verantwortung. Das Zählen in BaMidbar war eine Bestätigung dieser einzigartigen Würde.

 

 

Rabbi Shlomo Zalman Auerbachs „‘Ajin Towah“

Rabbi Schlomo Zalman Auerbach, Z”L, war bekannt für seine außergewöhnliche Feinfühligkeit gegenüber anderen und seine Fähigkeit, jeden Einzelnen wertzuschätzen. Eine seiner besonderen Gewohnheiten war es, nach dem Umzug eines Schülers, Freundes oder Verwandten in eine neue Wohnung zu kommen und diese zu besuchen. Doch es war kein gewöhnlicher Besuch – Rabbi Auerbach hatte eine klare Absicht.

Er ging bewusst durch jedes Zimmer der neuen Wohnung, betrachtete die Umgebung und schenkte jedem Raum seine Aufmerksamkeit. Als er gefragt wurde, warum er dies tue, erklärte er, dass er damit eine „‘Ajin Towah“ [עַיִן טוֹבׇה] – einen positiven Blick oder eine Segnung – auf das neue Zuhause geben wolle. Für ihn war eine Wohnung mehr als nur ein Wohnraum aus Steinen und Mörtel. Sie war der Ort, an dem sich das Leben eines Menschen entfaltet, an dem Freude und Herausforderungen erlebt werden und an dem spirituelle Energie gegenwärtig ist. Indem er jeden Raum durchschritt, wollte er seine guten Wünsche und positive Energie für Frieden, Freude und göttlichen Beistand über das Heim aussprechen.

Diese Praxis spiegelt auf wunderbare Weise die Lehre von Paraschat BaMidbar wider. Genauso wie Mosche Rabbeinu und Aharon das Volk Israel persönlich zählten und jeden Einzelnen wertschätzten, nahm sich Rabbi Auerbach die Zeit, jedes neue Zuhause individuell zu sehen und zu segnen. Sein Verhalten verdeutlicht die Bedeutung echter menschlicher Verbindung – nicht nur das flüchtige Anerkennen eines Menschen, sondern das bewusste Wahrnehmen und das Stärken seiner individuellen Bedeutung.

In unserer modernen Zeit, in der Beziehungen oft oberflächlich und digital sind, lehrt uns Rabbi Auerbachs Beispiel die Kraft persönlicher Präsenz. Ob durch einen Besuch, ein aufrichtiges Wort des Segens oder eine kleine Geste der Anerkennung – diese Momente können für einen Menschen eine tiefgehende Wirkung haben.

Der RambaN verbindet dieses Konzept mit der Zählung in BaMidbar. Hashem zählt das Volk nicht aus bürokratischen Gründen, sondern aus Liebe zu jedem Einzelnen. Das Zählen durch Mosche Rabbeinu und Aharon war ein Moment der persönlichen Segnung und Anerkennung.

Die Nazis, die die Menschlichkeit ihrer Opfer durch Nummern ersetzen wollten, verkörpern das Gegenteil dieser Torah-Lehre. Doch die Torah fordert uns auf, jeden Einzelnen in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen.

 

 

Schlussfolgerung – Eine persönliche Beziehung aufbauen

In einer Zeit, in der virtuelle Kontakte oft reale Begegnungen ersetzen, erinnert uns BaMidbar daran, wie wichtig es ist, persönliche Beziehungen zu pflegen. Mosche Rabbeinu nahm sich die Zeit, jeden Einzelnen zu zählen und zu ehren. Auch wir sollten unsere Mitmenschen in ihrer individuellen Bedeutung erkennen und wertschätzen.

 

Lasst uns nicht nur „Freunde“ in sozialen Netzwerken sammeln, sondern echte Verbindungen schaffen.
Jeder Moment der Aufmerksamkeit kann das Leben eines Menschen bereichern.

 
 

 

שַׁבַּת שָׁלוֹם וּמְבֹרָךְ
Schabbat Schalom Um’worach
Einen Friedvollen und gesegneten Schabbat

Shalom Mandelbaum

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01. Siwan 5785,   28. Mai 2025

 

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