B’Har - B’Chuqotaj: Abschluss mit Fluch und Segen
Unsere Doppel-Paraschahⓘ פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt beendet das dritte Buch Moses mit Peitsche und Zuckerbrot:
- Was lernen wir zum Thema Freiheit und/oder Gerechtigkeit?
- Warum ist im Gegensatz zu den Segen (den der erhält, der die Gebote hält) dawkaⓘדַּוְקָא
genau, absichtlich, gerade die Ausführung zu den Tochachotⓘתּוֹכָחָה – Tochachah - Tadel,
plural: תּוֹכָחֹת - Tochachot
(Strafen für die, die Gebote nicht einhalten) so ausführlich und grafisch - was in vielen Synagogen zu dem Minhagⓘמִנְהָג
Brauch geführt hat, diese Stellen etwas leiser zu lesen als den Rest.
Freiheit oder Gleichheit? Freiheit UND Gleichheit!
”וְ֠הָיְתָ֠ה שַׁבַּ֨ת הָאָ֤רֶץ לָכֶם֙ לְאׇכְלָ֔ה לְךָ֖ וּלְעַבְדְּךָ֣ וְלַאֲמָתֶ֑ךָ וְלִשְׂכִֽירְךָ֙ וּלְתוֹשָׁ֣בְךָ֔ הַגָּרִ֖ים עִמָּֽךְ׃“
(ויקרא כ"ה ו')
„Und es sei die Feier des Landes für euch zum Essen, für dich und deinen Knecht und deine Magd, und für deinen Knecht und Ger, die bei dir weilen; “
(WaJikra, Leviticus, 3. Buch Moses 25:6)
Es gibt Gesellschaften, deren größter Wert Freiheit ist. Das sind die meisten westlichen Demokratien, wo die Bürger ihre politischen Repräsentanten in freien Wahlen wählen, wo Meinungsfreiheit herrscht, usw.
Und dann gibt es Gesellschaften, deren größter Wert Gleichheit ist. Das sind die meisten sozialistisch geprägten Länder, wo jeder Anspruch auf kostenlose Erziehung hat, auf eine Wohnung (die zwar dem Staat gehört, aber wo man leben kann) usw.
Was es nicht gibt, sind Gesellschaften, wo BEIDE Werte gleich großgeschrieben und gelebt werden: So ist das Wirtschaftssystem in Freiheits-Gesellschaften die freie Marktwirtschaft, die Ungleichheit schafft. In Gleichheits-Gesellschaften wiederum hat zwar jeder einen Anspruch auf eine Wohnung, kann sie sich aber nicht aussuchen.
Unser Wochenabschnitt zeigt jedoch, wie die Quadratur des Kreises möglich ist.
Das „Geheimrezept“ für eine Gesellschaft, die sowohl auf Freiheit als auch auf Gleichheit aufgebaut ist, ist nämlich - Zeit: Es ist nicht möglich, GLEICHZEITIG Freiheit und Gleichheit komplett zu praktizieren. Aber man kann REGELMÄSSIG eine Richtigstellung machen.
So wird die Ungleichheit der freien Wirtschaft, die einige reich und andere arm werden lässt, am Schmittah-Jahr [שְׁנַת שְׁמִיטָה] (am 7. Jahr, wenn u.a. die Felder brachliegen, verkauftes Land fällt an seinen ursprünglichen Eigentümer (oder seiner Familie) zurück, und Sklaven wieder werden frei) ausgeglichen. (Zu Schmittah [שְׁמִטָּה] haben wir einen wunderschönen Podcast-Beitrag und einen Gastbeitrag )
h3>Nu-nu-nu!
”וְאִם־תֵּֽלְכ֤וּ עִמִּי֙ קֶ֔רִי וְלֹ֥א תֹאב֖וּ לִשְׁמֹ֣עַֽ לִ֑י וְיָסַפְתִּ֤י עֲלֵיכֶם֙ מַכָּ֔ה שֶׁ֖בַע כְּחַטֹּאתֵיכֶֽם׃“
(ויקרא כ"ו כ"א)
„Und wenn ihr mir gegenwärtig wandelt und euch weigert mir zu gehorchen, so werde ich euch siebenmal mehr schlagen euren Sünden gemäß. “
(WaJikra, Leviticus, 3. Buch Moses 26:21)
Warum ist diese Beschreibung der Strafen bei der Nicht-Einhaltung von Geboten, auch als Tochachot bekannt, so grafisch und grausam? Dies passt so gar nicht zu den 13 Middotⓘמִדָּה – Middah
wörtrl. Maßnahme,
hier Eigenschaft.
Plural: מִדּוֹת – Middot
Eigenschaften von HaSchem, 2. Buch Moses 34:6-7, die den Ewigsten als sanft und gutmütig darstellt.
Dies erinnert mich an eine Frage, die einen Rabbiner nach einem Schi‘ur (שִׁעוּר - religiöser Vortrag) gestellt wurde:
„Herr Rabbiner, warum machen Sie uns so Angst bei der Darstellung der Gefahren, wenn wir die Gebote nicht halten? Ihr Kollege, auch ein Rabbiner, hat eine ganz andere Einstellung - er erzählt uns, wie viel Spaß es macht, Minhagⓘמִנְהָג
Brauch einzuhalten, ohne diese Angstmacherei?“
Der Rabbiner lächelte, strich sich durch den Bart, und antwortete:
„Wenn Ihr Kind bei Rot über die Straße läuft, und ein Auto von der Seite in hoher Geschwindigkeit anfährt - sagen sie ihm dann freundlich und leise, mit angenehmer Stimme, wie schön das Leben ist, wenn man sich an die Verkehrsregeln hält? Oder schreien Sie sich die Kehle aus dem Leib und reißen Sie das Kind gewaltsam zurück auf den Gehweg?“
Und DAS ist die Erklärung für die Tochachot: sie sind keine grausame, dystopische Endzeit-Prophezeiung, sondern: eine WARNUNG.