Haasinu- Das Abschluss-Lied der himmlischen Symphonie
Unsere Paraschahⓘ פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt heißt Haasinu [הַאֲזִינוּ], also „höre zu“. Es geht u.a. um die Verbindung von Beten und Lernen .
Aber nicht nur der Inhalt soll uns beschäftigen, sondern auch die Form – Haasinu ist nämlich eine Schirah [שִׁירָה] – ein g-ttliches Lied. Die Kombination aus Worten und Musik verleiht einem Lied die Kraft, gleichzeitig Freude und Trauer, Exil und Erlösung sowie Gericht und Barmherzigkeit auszudrücken.
Aus diesem Grund wählt Mosche am letzten Tag seines Lebens ein Lied, um die Botschaft der Torah für die Ewigkeit zu besiegeln.
Ein himmlischer Gesang
”הַאֲזִ֥ינוּ הַשָּׁמַ֖יִם וַאֲדַבֵּ֑רָה
וְתִשְׁמַ֥ע הָאָ֖רֶץ אִמְרֵי־פִֽי׃“(דברים ל"ב א')
„Horcht auf, ihr Himmel, und ich will reden;
und es höre die Erde die Worte meines Mundes.“(D‘warim, Deuteronomii, 5. Buch Mose, 32:1)
Als der israelische Mathematiker und weltweiter Experte der Spieltheorie Israel Robert Aumann im Jahre 2005 den Nobelpreis erhielt, wurde ihm ein Sakko für die Zeremonie aus Schweden geschickt. Er ließ dieses Sakko auf Scha‘atnes [שַׁעַטְנֵז] untersuchen, woraufhin er verkündete, dass er ein anderes Sakko bräuchte, das keine Mischfasern hätte.
Die Welt der Wissenschaften hielt den Atem an: Wie kann ein Experte, der den Nobelpreis für die Studie von rationalen Entscheidungen eine so irrationale Entscheidung treffen, basierend auf einem jüdischen Religionsgesetz, das sich unserer Logik entzieht?
Aumann gab die folgende Antwort:
Ich akzeptiere die Torah ALS GANZES, und versuche, alle Mizwotⓘמִצְוָוה
Gebot,
plural: מִצְווֹת
Mizwot zu halten, egal ob sie logisch sind oder nicht. Mich ohne Kontext nach einer Entscheidung zu befragen, ist ungefähr so, als ob wir ein paar Noten einer Mozart-Symphonie hören, und kritisieren, dass dieser winzig kleine Ausschnitt nicht sehr schön und harmonisch klingt. Nur im Kontext der GANZEN Symphonie macht es Sinn.
Im Film „Amadeus“ wird das auch beschrieben.
Und auch die jüdische Geschichte ist keine Ansammlung zusammenhangloser Ereignisse, sondern eine kontinuierliche, g-ttliche Symphonie. Selbst in Momenten der Verwirrung müssen wir uns daran erinnern, dass das Lied weiter gesungen wird. Wenn die Melodie der Geschichte ihren finalen Höhepunkt erreicht, wird hörbar werden, dass jeder Ton – selbst die schmerzhaften und dissonanten Noten – Teil einer perfekten Harmonie war.
Keine leeren Worte
”וַיָּבֹ֣א מֹשֶׁ֗ה וַיְדַבֵּ֛ר אֶת־כׇּל־דִּבְרֵ֥י הַשִּׁירָֽה־הַזֹּ֖את בְּאׇזְנֵ֣י הָעָ֑ם ה֖וּא וְהוֹשֵׁ֥עַ בִּן־נֽוּן׃ וַיְכַ֣ל מֹשֶׁ֗ה לְדַבֵּ֛ר אֶת־כׇּל־הַדְּבָרִ֥ים הָאֵ֖לֶּה אֶל־כׇּל־יִשְׂרָאֵֽל׃ וַיֹּ֤אמֶר אֲלֵהֶם֙ שִׂ֣ימוּ לְבַבְכֶ֔ם לְכׇ֨ל־הַדְּבָרִ֔ים אֲשֶׁ֧ר אָנֹכִ֛י מֵעִ֥יד בָּכֶ֖ם הַיּ֑וֹם אֲשֶׁ֤ר תְּצַוֻּם֙ אֶת־בְּנֵיכֶ֔ם לִשְׁמֹ֣ר לַעֲשׂ֔וֹת אֶת־כׇּל־דִּבְרֵ֖י הַתּוֹרָ֥ה הַזֹּֽאת׃ כִּ֠י לֹא־דָבָ֨ר רֵ֥ק הוּא֙ מִכֶּ֔ם כִּי־ה֖וּא חַיֵּיכֶ֑ם וּבַדָּבָ֣ר הַזֶּ֗ה תַּאֲרִ֤יכוּ יָמִים֙ עַל־הָ֣אֲדָמָ֔ה אֲשֶׁ֨ר אַתֶּ֜ם עֹבְרִ֧ים אֶת־הַיַּרְדֵּ֛ן שָׁ֖מָּה לְרִשְׁתָּֽהּ׃“
(דברים ל"ב מ"ג - מ"ז)
„Und Moscheh ging und redete all die Worte dieses Gesanges־ vor den Ohren des Volkes, er und Hoschea, Sohn Nun. Und als Moscheh fertig war mit dem Vortrage all dieser Worte an ganz Jisrael, da sprach er zu ihnen: Richtet euer Herz auf all die Worte, durch die ich heute Zeugnis ablege gegen euch, dass ihr sie auftraget euren Kindern, zu beobachten, auszuüben all die Worte dieser Lehre. Denn es ist euch kein leeres Wort, sondern es ist euer Leben,־ und durch diese Sache werdet ihr lange leben auf dem Boden, dahin ihr über den Jarden geht, ihn einzunehmen. “
(D‘warim, Deuteronomii, 5. Buch Mose, 32:44-47)
Wie in der Einleitung erwähnt, ist das Hebräische Wort, das hier als „Gesang“ übersetzt wird „Schirah“ – ein g-ttliches Lied.
Es ist aber nicht nur ein wunderschönes Lied, sondern, so wie es heißt, (Euer) LEBEN:
Und so wie ein Lied Kontraste enthält – Höhen und Tiefen, Spannung und Auflösung - so ist auch die Geschichte des jüdischen Volkes keine geradlinige Erzählung, sondern eine Melodie aus Triumph und Tragödie, Exil und Rückkehr. Genau diese Gegensätze verleiht der Musik ihre Schönheit, Kraft und Bedeutung - und auch unserem Leben.
Und ebenso wie in der Musik die Stille zwischen den Tönen Teil der Symphonie ist, so ist auch G-ttes scheinbare Verborgenheit Teil der Entfaltung der Geschichte.
Wir befinden uns in den Jamim Noraim , [יָמִים נוֹרָאִים] den 10 Tagen zwischen Rosch HaSchanah (רֹאשׁ הַשָּׁנָה - dem jüdischen Neujahr) und Jom Kippur (יוֹם כִּפּוּר - dem Tag der Versöhnung). Genau jetzt geht es darum, einen Kontrapunkt zu den negativen Elementen unserer Symphonie zu spielen, ein Dur zum Mol zu finden: Es geht darum, T’schuwah ⓘתְּשׁוּבָה
Rückkehr (ein Korrekturprozess) zu machen.
Ich wünsche allen Lesern, dass wir den Kontrapunkt finden, und beende mit einem kleinen Ausschnitt des wunderschönen Pijjut [פִּיּוּט] „El Nora ‘Alila“ [אֵל נוֹרָא עֲלִילָה] (Anmerkung: N‘ilah [נְּעִילָה – wörtlich: Verriegelung/Schließung] bezieht sich auf das Abschlussgebet von Jom Kippur) :
אֵל נוֹרָא עֲלִילָה, אֵל נוֹרָא עֲלִילָה
הַמְצִיא לָנוּ מְחִילָה, בִּשְׁעַת הַנְּעִילָה.
שׁוֹפְכִים לְךָ נַפְשָׁם, מְחֵה פִּשְׁעָם וְכַחְשַׁם
וְהַמְצִיאֵם מְחִילָה, בִּשְׁעַת הַנְּעִילָה.
תִּזְכּוּ לְשָׁנִים רַבּוֹת, הַבָּנִים וְהָאָבוֹת
בְּדִיצָה וּבְצָהֳלָה, בִּשְׁעַת הַנְּעִילָה.
G-tt, der Ursprung unseres Leidens, G-tt, der Ursprung unseres Leidens
Er, der uns Heilung schenkt in der Stunde der N’ilah.
Wir schütten unsere Seelen vor Dir aus – Heilung für unser Leiden, Heilung für unser Leiden
Er, der uns Heilung schenkt in der Stunde der N’ilah.
Möget Ihr mit vielen Jahren gesegnet sein, Söhne und Väter
In den Tagen unseres Leidens und in der Stunde der N‘ilah “