Nizawim-WaJelech- die unverzeihliche Sünde
Unsere Doppel Paraschahⓘ פָּרָשָׁה מְחֻבֶּרֶת
Paraschah M’chuberet,
wörtl. Eine zusammengehängte Paraschah heißt Nizawim-WaJelech [נִצָּבִים-וַיֵּלֶךְ], sie wird oft am Schabbat vor Rosch HaSchanah gelesen, auch dieses Jahr.
- Bei Nizawim geht es u.a. darum, dass die Mizwotⓘמִצְוָוה
Gebot,
plural: מִצְווֹת
Mizwot NAH sind, eben לֹא בַשָּׁמַיִם הִיא (nicht im Himmel) - Bei WaJelech u.a. um die letzte der 613 Mitzwot.
Es geht aber auch um eine Sünde, die HaSchem unter keinen Umständen vergibt.
- Um welche Sünde handelt es sich hier?
- Warum ist sie unverzeihlich?
unverzeihlich
”לֹא־יֹאבֶ֣ה יְהֹוָה֮ סְלֹ֣חַֽ לוֹ֒ כִּ֣י אָ֠ז יֶעְשַׁ֨ן אַף־יְהֹוָ֤ה וְקִנְאָתוֹ֙ בָּאִ֣ישׁ הַה֔וּא וְרָ֤בְצָה בּוֹ֙ כׇּל־הָ֣אָלָ֔ה הַכְּתוּבָ֖ה בַּסֵּ֣פֶר הַזֶּ֑ה וּמָחָ֤ה יְהֹוָה֙ אֶת־שְׁמ֔וֹ מִתַּ֖חַת הַשָּׁמָֽיִם׃“
(דברים כ"ט י"ט)
„Nicht wird HaSchem ihm vergeben wollen; sondern dann wird rauchen der Zorn von HaSchem und sein Eifer über diesen Mann, und es wird auf ihm lasten die ganze Verwünschung, die in diesem Buche geschrieben ist, und HaSchem wird auslöschen seinen Namen unter dem Himmel hinweg.“
(D‘warim, Deuteronomii, 5. Buch Mose, 29:19)
Es ist nicht ganz klar, um welche Sünde es sich hierbei handelt - die Rabbiner haben unterschiedliche Peruschimⓘפֵּירוּשׁ
Interpretation, Auslegung,
plural: פֵּירוּשִׁים - Peruschim über die Jahrhunderte gegeben: So sagt der Traktat Sanhedrin (76b) des Babylonischen Talmud, dass es sich bei der Sünde um das Verheiraten seiner Tochter mit einem alten Mann oder das Zurückgeben eines verlorenen Gegenstands an einem Götzendiener handeln kann. Im Midrasch Pirqej DeRabbi Eliezer [פִּרְקֵי דְּרַבִּי אֱלִיעֶזֶר] ist die unverzeihliche Sünde als Versäumnis des rituellen Händewaschens vor dem Essen identifiziert.
Rabbi Luntschitz von Prag hingegen hat eine Interpretation, die meiner Meinung nach mehr Sinn macht:
Die unverzeihliche Sünde ist es zu denken, ich kann meine Verantwortung gegenüber G-tt und den Mitmenschen vernachlässigen, da es ja genug gute und gerechte Menschen gibt, die meine Nachlässigkeit „ausgleichen“.
Warum ist diese Sünde so grob und unverzeihlich?
Erstens, weil jeder Einzelne einen Unterschied macht. Der Musiker im Orchester, der falsch spielt, weil er nicht übt (da ja die anderen Musiker hervorragend sind), WIRD gehört. Das Ruderteam, wo einer nicht trainiert, weil die anderen so gute Sportler sind, WIRD das Wettrennen verlieren, vor allem, wenn bei einem anderen Ruderteam ALLE trainieren. Die Nachlässigkeit eines Einzelnen kann die Anstrengungen vieler untergraben oder gar zunichtemachen.
Es gibt auch noch einen zweiten, viel schwerwiegenden Grund: Wenn jeder denkt, die anderen werden es schon richtig machen, dann kann es vorkommen, dass KEINER richtig handelt.
Dazu gibt es eine Geschichte vom Maggid von Dubno:
Einer jüdischen Gemeinde ging stets Purim [פּוּרִים] der Wein aus. Die Gemeindevorsteher beschlossen daraufhin, dass jeder Erwachsene einmal wöchentlich einen kleinen Becher Wein in ein großes Fass im Synagogenhof schüttete. Einer der Juden dachte sich: „Niemand kann sehen, was ich in das Fass gieße, und bei all dem Wein wird es auch niemand bemerken, wenn ich stattdessen einen Becher Wasser hineingieße.“ Und so tat er dies das ganze Jahr über. Als Purim kam, entdeckte die Gemeinde zu ihrem Entsetzen, dass das Fass nicht mit Wein, sondern mit Wasser gefüllt war. Denn ALLE hatten dieselbe Idee gehabt!
Im Grunde genommen gibt die Torah tausende Jahre vor Kant den Kategorischen Imperativ: Handle so, als ob es Gesetz wäre, d.h., so als ob ALLE so handeln müssten.
Und fügt hinzu: wenn du es nicht tust, dann ist es eine unverzeihliche Sünde!