Ki-Tawo- Die Kraft des Storytellings
Unsere Paraschahⓘ פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt heißt Ki-Tawo, [כִּי־תָבוֹא] also wenn du (in das Land, gemeint ist das Heilige Land) kommst.
Die Themen dieser Paraschah die wir in den vergangenen Jahren behandelt haben:
- 5782 – Die Erstlingsfrüchte
- 5784 – Freude, Dankbarkeit und die Kunst des Zuhörens
- 5785 – Segen beim Aufbruch und bei der Ankunft
Aber vor allem geht es um Storytelling, um das Narrativ des jüdischen Volkes, und um die Geschichte, die wir über uns erzählen.
Auszug aus Ägypten - kurz und bündig
”וְעָנִ֨יתָ וְאָמַרְתָּ֜ לִפְנֵ֣י ׀ יְהֹוָ֣ה אֱלֹהֶ֗יךָ אֲרַמִּי֙ אֹבֵ֣ד אָבִ֔י וַיֵּ֣רֶד מִצְרַ֔יְמָה וַיָּ֥גׇר שָׁ֖ם בִּמְתֵ֣י מְעָ֑ט וַֽיְהִי־שָׁ֕ם לְג֥וֹי גָּד֖וֹל עָצ֥וּם וָרָֽב׃ וַיָּרֵ֧עוּ אֹתָ֛נוּ הַמִּצְרִ֖ים וַיְעַנּ֑וּנוּ וַיִּתְּנ֥וּ עָלֵ֖ינוּ עֲבֹדָ֥ה קָשָֽׁה׃ וַנִּצְעַ֕ק אֶל־יְהֹוָ֖ה אֱלֹהֵ֣י אֲבֹתֵ֑ינוּ וַיִּשְׁמַ֤ע יְהֹוָה֙ אֶת־קֹלֵ֔נוּ וַיַּ֧רְא אֶת־עׇנְיֵ֛נוּ וְאֶת־עֲמָלֵ֖נוּ וְאֶֽת־לַחֲצֵֽנוּ׃ וַיּוֹצִאֵ֤נוּ יְהֹוָה֙ מִמִּצְרַ֔יִם בְּיָ֤ד חֲזָקָה֙ וּבִזְרֹ֣עַ נְטוּיָ֔ה וּבְמֹרָ֖א גָּדֹ֑ל וּבְאֹת֖וֹת וּבְמֹפְתִֽים׃ וַיְבִאֵ֖נוּ אֶל־הַמָּק֣וֹם הַזֶּ֑ה וַיִּתֶּן־לָ֙נוּ֙ אֶת־הָאָ֣רֶץ הַזֹּ֔את אֶ֛רֶץ זָבַ֥ת חָלָ֖ב וּדְבָֽשׁ׃“
(דברים כ"ו ה' – ט')
„Du sollst anheben und sprechen für HaSchem, deinem Gott: Ein herumirrender Aramäer war mein Vater, und er ging hinab nach Mizrajim und weilte daselbst mit einem geringen Häuflein, und wurde daselbst zu einem Volk, groß, mächtig und zahlreich. Und es misshandelten uns die Mizrim und drückten uns und legten uns schwere Lastarbeit auf. Und wir schrien zu HaSchem, dem Gott unserer Väter, und es hörte HaSchem unsere Stimme und sah unser Elend und unser Mühsal und unseren Druck. Und HaSchem führte uns aus Mizrajim mit starker Hand und ausgestrecktem Arm, und mit großem Schrecken und mit Zeichen und mit Wundern. Und brachte uns an diesen Ort, und gab uns dieses Land, ein Land, fließend von Milch und Honig.“
(D‘warim, Deuteronomii, 5. Buch Mose, 26:5-9)
Elie Wiesel z”l schrieb in einem seiner Bücher (Die Pforten des Waldes) den folgenden Satz: „Gott schuf den Menschen, weil er Geschichten liebt.“ Tatsächlich ist das die Quintessenz unserer Leben: eine Geschichte, die wir der Welt erzählen. Unsere Geschichten beinhalten viele Figuren, unerwartete Wendungen und vermitteln uns Lehren über das Wesen des Lebens. Sie zeigen, was uns wichtig ist, welche Ideale uns leiten und welche prägenden Erfahrungen uns geformt haben. Jedes Leben ist eine Geschichte. Indem wir diese Geschichte erzählen, erinnern wir uns daran, wer wir sind.
Sich daran zu erinnern, wer wir sind, ist auch das Thema unserer Paraschah. Der zitierte Absatz oben erzählt in wenigen Worten Schlüsselereignisse des jüdischen Volkes: Die Sklaverei in Ägypten, der Auszug aus Ägypten, 40 Jahre in der Wüste, und der Eintritt ins Heilige Land.
Das ist die Geschichte des jüdischen Volkes auf einen Fuss [עַל רֶגֶל אַחַת]:
- Eine Geschichte von Wanderung und Sesshaftigkeit.
- Eine Geschichte von Wachstum und Stärke.
- Eine Geschichte von Verzweiflung und Erleichterung.
- Eine Geschichte von Unterdrückung und Erlösung.
- Eine Geschichte von Exil und Rückkehr.
Nur durch all das, was wir durchgemacht haben, sind wir bereit, das Gelobte Land zu betreten.
Jetzt stellt sich die Frage: Das war alles dem jüdischen Volk bekannt. Warum erzählte ihnen Moscheh Rabbenu das, was sie gerade erlebt hatten?
Die Antwort ist: Er erzählt es nicht nur ihnen, damals, sondern UNS, HEUTE! So wie es in der Pessach-Haggadah [הַגָּדָה שֶׁל פֶּסַח] steht: Jeder muss sich sehen, als ob ER (oder sie) aus Ägypten ausgezogen ist. Es ist also keine historische Erzählung, sondern unsere Geschichte heute!
Wir sind im Monat Elul [אֱלוּל], bald ist Rosch HaSchanah [רֹאשׁ הַשָּׁנָה] (das jüdische Neujahr). Es ist dies eine Zeit, in sich zu gehen, und versuchen, T’schuwah ⓘתְּשׁוּבָה
Rückkehr (ein Korrekturprozess) zu machen. Wir müssen uns überlegen, welche Story wir von uns erzählen, und welche wir wollen, dass zukünftige Generationen erzählen werden.
Dazu eine Anekdote:
Alfred Nobel war ein schwedischer Chemiker, der bekannt wurde, dass er das Dynamit erfand. Als Nobels Bruder Ludvig starb, druckte eine französische Zeitung versehentlich einen Nachruf auf Alfred Nobel mit der Überschrift „Der Kaufmann des Todes ist tot“ . Nobel war schockiert! Er wollte nicht als Massenmörder erinnert werden.
Und so änderte er seine Story: Heute wissen viele gar nicht, dass Alfred Nobel das Dynamit erfand. Aber fast jeder kennt den Nobelpreis, den er kurz nach dem Nachruf ins Leben ruf - der Naturwissenschaft, Forschung, Literatur und Frieden feiert, nicht - wie das Dynamit - Krieg und Vernichtung.
Welche Story wird man von uns erzählen?