Noach - Hochhaus ohne Bewohner
Unsere Paraschahⓘ פָּרָשָׁה
Wochenabschnitt wie ihr Held, Noach [נֹחַ]. Er rettete Mensch und Tier vor der Sintflut (mit der allseits bekannten Arche Noah), hatte aber auch große Charakterschwächen, und war der erste in der Torah erwähnte Mensch, der sich besoff.
Es geht aber nicht nur um Noach, sondern auch um den Turm von Babel [מִגְדַּל בָּבֶל – Migdal Bawel]:
- Was sagt diese Geschichte aus über den menschlichen Charakter?
- Wie aktuell ist sie heutzutage?
Wolkenkratzer und Geisterstädte
”וַיֹּאמְר֞וּ הָ֣בָה ׀ נִבְנֶה־לָּ֣נוּ עִ֗יר וּמִגְדָּל֙ וְרֹאשׁ֣וֹ בַשָּׁמַ֔יִם וְנַֽעֲשֶׂה־לָּ֖נוּ שֵׁ֑ם פֶּן־נָפ֖וּץ עַל־פְּנֵ֥י כׇל־הָאָֽרֶץ׃“
(בראשית י"א ד')
„Und sie sprachen: Kommt, lasst uns für uns eine Stadt bauen, und einen Turm, dessen Spitze im Himmel ist, denn wir wollen uns einen Namen machen, damit wir uns nicht zerstreuen über die Fläche der ganzen Erde.“
(B’reschit, Genesis, 1. Buch Moses 11: 4)
Was war hier die Sünde?
Man könnte meinen, so wie heutzutage oft argumentiert wird: Bevölkerungen wachsen, also bauen wir in die Höhe statt in Breite („damit wir uns nicht zerstreuen über die Fläche der ganzen Erde“). Jedoch hat dieses Argument einen Haken: Es geht nämlich nicht um die Bevölkerung, sondern um das Gebäude! Und so sehen wir auch heute, dass in vielen Metropolen Hochhäuser mit Luxuswohnungen gebaut werden, die die meiste Zeit des Jahres leer stehen. Chasalⓘ חז״ל
Unsere Weisen z”l
(Die Weisen der Mischnah- und Talmud-Ära) erklären, dass viele Menschen beim Bau des Turms von Babel in den Tod stürzten - und keiner um sie trauerte. Wenn allerdings ein Ziegelstein herunterfiel, dann weinten sie bitterlich. So war das damals, so ist das oft, leider, auch heute noch.
Es geht aber auch um metaphorische Hochmütigkeit: So heißt es vorher וְנַעֲשֶׂה-לָּנוּ שֵׁם (w‘na´aseh lanu Schem), also „denn wir wollen uns einen Namen machen“. Noch lange vor dem I-pod, I-pad, I-phone usw. (im Sinne vom englischen „I“, also ICH) ist hier von Egoismus die Rede. Es ging darum, mit dem großen Bauprojekt anzugeben und den eigenen Namen zu verherrlichen, nach dem Sprichwort (das falsche Werte vermittelt): Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.
In diesem Zusammenhang eine traurige Statistik: Deutlich mehr Menschen sterben bei Selfies (z.B. während sie auf einer Brücke stehen) als bei Haiattacken. Und das seit Jahren .
Hochmut kommt vor dem Fall
”עַל־כֵּ֞ן קָרָ֤א שְׁמָהּ֙ בָּבֶ֔ל כִּי־שָׁ֛ם בָּלַ֥ל יְהֹוָ֖ה שְׂפַ֣ת כׇּל־הָאָ֑רֶץ וּמִשָּׁם֙ הֱפִיצָ֣ם יְהֹוָ֔ה עַל־פְּנֵ֖י כׇּל־הָאָֽרֶץ׃“
(בראשית י"א ט')
„Darum nannte man ihren Namen Babel, weil dort HaSchem die Sprache aller Erdbewohner verwirrte, und von dort zerstreute sie HaSchem über die Fläche der ganzen Erde.“
(B’reschit, Genesis, 1. Buch Moses 11: 9)
Zum Schluss passiert genau das, was die Erbauer des Turms von Babel verhindern wollten - sie wurden über die Fläche der ganzen Erde verstreut, wo jeder eine andere Sprache sprach. So ist es bis heute.
Prof. Nechama Leibowitz z”l sagt hierbei:
Jede Generation versucht ihren Turm von Babel zu bauen, und er wird immer zerstört. Wenn wir neue Technologien nur benutzen, um uns selbst zu verherrlichen, dann haben wir nicht nur unsere Bescheidenheit verloren, nein - wir halten uns dann selbst für G-tt. Bis wir herausfinden, dass wir es nicht sind.
Denn - wie es auf Jiddisch heißt (und leider auf Deutsch wegen des Reimes falsch übersetzt wurde): Der Mensch tracht - und G-tt lacht [דער מענטש טראַכט און גאָט לאַכט - der Mensch plant, HaSchem lacht (über seine Pläne)].